Die Kämpfe um Bachmut sind die brutalsten im Ukraine-Krieg, beide Seiten erleiden hohe Verluste. Selenskyj und sein General streiten deshalb um die Strategie.

Bachmut – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist wohl mit seinem wichtigsten General Walerij Saluschnyj aneinander geraten. Laut einer Recherche der Bild ging es um die Strategie im Ort Bachmut, wo die bislang blutigsten Kämpfe im Ukraine-Krieg stattfinden. Saluschnyj, der Oberkommandierende der Streitkräfte der Ukraine, wollte offenbar schon vor mehreren Wochen einen Abzug der Soldaten aus Bachmut anordnen, da sie an der Front mit hohen Verlusten zu kämpfen hätten. Selenskyj hielt dagegen und ist noch immer der Überzeugung, es sei richtig gewesen, an Bachmut festzuhalten.

In Medienberichten heißt es immer wieder, dass die russische Armee eine deutlich höhere Anzahl an Toten in Bachmut verkraften muss. Dennoch starben auch viele ukrainische Soldaten bei der Verteidigung der Stadt. Deshalb soll Saluschnyi frühzeitig auf einen möglichen Abzug aus Bachmut gedrungen haben. Die ukrainische Regierung erklärte gegenüber Bild, durch das Festhalten an Bachmut habe man der russischen Armee erheblichen Schaden zugefügt, sowohl personell als auch materiell. So konnten etwa zahlreiche Panzer und gepanzerte Fahrzeuge zerstört werden. Das sei der Grund, warum man einem Abzug ukrainischer Streitkräfte nicht zugestimmt hätte.

Ukrainische Soldaten feuern eine Panzerhaubitze auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. © LIBKOS/dpa

Kämpfe um Bachmut: Soldaten beklagen sich im Ukraine-Krieg

Weil Bachmut laut Experten aus militärischer Sicht keine strategische Bedeutung hat, wäre ein Abzug aus der zerstörten Stadt nicht entscheidend. Aber der Einsatz tausender Wagner-Söldner aus Russland machte Bachmut auch zu einem politischen Symbol: Im Dezember erklärte Selenskyj die Stadt zur „Festung“. Die Wagner-Gruppe unter Chef Prigoschin steht für brutale Gewalt im Krieg – nicht nur in der Ukraine, sondern auch in kriegerischen Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent.

Von der Front berichten Bild-Reporter allerdings mehrheitlich von Unverständnis gegenüber der Haltung in Kiew. So schrieb ein Soldat: „Wenn wir hier komplett eingekesselt werden, dann wird es eine Katastrophe.“ Und auch ein ukrainischer Militäranalyst erzählte: „Die Fragen, die sich die Jungs in Bachmut stellen: Was ist die Strategie? Warum sollten wir uns eingraben, wenn der Feind uns umzingelt?“

Ein weiterer ukrainischer Militärberater sagte: „Am Anfang war Bachmut eine Falle für die Russen, jetzt ist er eine Falle für uns geworden. Wir töten sie im Verhältnis 1:7 – das ist der einzige militärische Grund, Bachmut zu halten. Aber die Truppen hätten vor drei Wochen abgezogen werden müssen, als die Russen Krasnaja Gora einnahmen. Die Entscheidung, Bachmut zu halten, war gut, aber sie haben es übertrieben.“

Ukraine-Krieg: Einigkeit verflogen? Spekulationen um Präsidentschaftskandidatur eines Generals

Demgegenüber steht die Meinung, wenn man sich aus Bachmut zurückgezogen hätte, wäre es an anderer Stelle zu ähnlichen Kämpfen gekommen. Das Ziel sei, die Russen nicht vorrücken zu lassen und ihnen gleichzeitig schwerste Verluste zuzufügen. Gleichzeitig machen Spekulationen um eine mögliche Präsidentschaftskandidatur des Generals Saluschnyj die Runde – durch sein überzeugendes Auftreten scheint er auch in der Bevölkerung immer beliebter zu werden. Eine offizielle Bestätigung dieser Gerüchte gab es von seiner Seite aus bisher nicht.

Trotzdem sollen Selenskyj und sein Umfeld in ihm einen möglichen Konkurrenten sehen. Aus ukrainischen Militärkreisen allerdings heißt es, dass der Oberkommandierende der Streitkräfte nur auf den Sieg gegen die russischen Truppen hinarbeitet und darum bemüht ist, seine Soldaten bestmöglich zu beschützen. Nur dies habe zur Diskussion mit Selenskyj über Bachmut geführt. Zu Beginn des Kriegs demonstrierten der politische und der militärische Anführer eine große Einigkeit, die Rollen waren klar verteilt.

Ukraine-Krieg: Bachmut beinahe völlig zerstört

In Bachmut leben noch etwa 5000 Zivilisten von ursprünglich um die 70.000 Einwohner – der Kampf um die Stadt im Gebiet Donezk tobt seit rund sechs Monaten. Die Stadt ist beinahe vollständig zerstört, es gibt kaum noch Versorgungswege dorthin. Die Lage verschlechtert sich immer weiter. (ale)

Von UKIN

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